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Another Earth – die perfekte Parabel

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Another Earth, ein Science-Fiction-Film?

Wenn man zum ersten mal von dem Film „Another Earth“ hört, liegt der Fehlschluss nahe, es handle sich um einen Science-Fiction-Film; Eine „Erde 2“ wird entdeckt, man versucht Kontakt aufzunehmen, alles scheint sich um den neuen Planeten zu drehen, der immer größer am Himmel zu sehen ist. Im Film wird die andere Erde vor allem durch Fernsehen und Radio behandelt; ständig hört man Radiosprecher oder sieht, wie die Protagonisten sich Fernsehsendungen darüber ansehen. Auch die Erde 2 sieht man immer mal wieder größer oder kleiner, deutlich oder nur im Hintergrund.

Doch bei „Another Earth“ geht es eigentlich nicht um den Planeten. „Another Earth“ ist einer der besonderen Filme, die es schaffen, persönliche, menschliche und psychologische Probleme auf mehreren Ebenen zu erzählen. Hier geht es nicht um Technologie, Raumfahrt, Fortschritt oder Abenteuer – viel mehr dreht sich die Geschichte um allzu menschliche Themen wie Schuld, Reue, Vergebung, Selbstreflektion.Das heißt, die Hauptebene (also eigentliche Geschichte) ist Rhodas Umgang mit ihrer Schuld. Nach einer Party verursacht sie einen Unfall, bei dem sie ein Kind und seine Mutter tötet und den Vater ins Koma schickt. Nach 4 Jahren Haft muss sie nun als Verstoßene mit ihrer Schuld umgehen.

Metaphorik, Psychologie und philosophische Fragen

Diese Handlung wird durch weitere Parallelhandlungen unterstützt. Die ganze Story um die andere Erde ist im Prinzip eine Parabel bzw. Metapher. Im Laufe der Geschichte kommt heraus, dass diese andere Erde eine Art Spiegelung der eigenen ist. Daraus resultieren schnell einige Fragen und Überlegungen, die eine Voice-Over-Stimme (TV-Sprecher) aufzeigt:

  • Bin ich auch da drüben?
  • Kann ich mir selbst begegnen?
  • Ist das andere Ich besser als dieses Ich?
  • Kann ich von meinem anderen Ich lernen?
  • Hat das andere Ich dieselben Fehler gemacht wie ich?
  • Kann ich mit meinem anderen Ich diskutieren?Die Wahrheit ist, wir tun das den ganzen Tag. Die Leuten geben es nicht zu und denken nicht viel darüber nach, aber sie tun es. Jeden Tag sprechen sie mit sich selbst. Was macht er da? Was hat sie sich dabei gedacht? Hab ich das richtige gesagt? In diesem Fall gibt es ein zweites Ich da draußen.

Wer sich auch nur im Groben mit Freud beschäftigt hat, zieht hier schnell die Parallelen zur Theorie vom Ich, Über-Ich und Es. Vereinfacht gesagt kann man sagen, „Es“ ist der Trieb, das „Über-Ich“ unsere moralische Instanz bzw. Gewissen und das Ich das Resultat aus den beiden inneren Einflüssen. Das Bild von Engel und Teufel auf den Schultern sagt eigentlich genau das gleiche aus; Geb ich dem Teufel oder dem Engel nach; mach ich, worauf ich Lust hab, obwohl ich weiß, dass es schlecht ist?

Bei Another Earth ist die Handlung rum um die „Erde 2“ Rhodas Konfrontation mit ihrem Über-Ich.

Im Folgenden ein paar Beispiele:

Am Tag, an dem die Erde entdeckt wird, verursacht Rhoda den Unfall. Ob sie die Erde tatsächlich gesehen hat, wird nicht gezeigt. Ab dem Tag des Unfalls/Tag der Entdeckung der Erde 2 wird Rhoda im Gefängnis per Radio/TV damit konfrontiert. Gefängnis ist auch der Ort, an dem Menschen im Normalfall mit ihrer Schuld konfrontiert werden. Inhaftierte haben viel Zeit, um über sich und ihre Taten nachzudenken.

Aus der Haft entlassen nimmt sie an einem Wettbewerb teil, um die Erde 2 zu besuchen. Kurz darauf nimmt sie eine Hausmeisterstelle an, obwohl sie dafür eigentlich überqualifiziert ist. Es scheint, als wolle Rhoda ihre Schuld abarbeiten oder man könnte auch denken, sie hat das Gefühl, es nicht verdient zu haben, eine andere bessere Stelle anzunehmen (sie wurde wohlgemerkt am Tag des Unfalls beim MIT zugelassen, was in den USA das Non-Plus-Ultra ist). Die Teilnahme am Wettbewerb kann man als Willen verstanden werden, sich zu stellen, zu reflektieren und ein besserer Mensch zu werden.

Erde 2 kommt im Laufe der Handlung immer näher. Gleichzeitig kommt sie auch sich selbst immer näher.

Another Earth – die perfekte Parabel

Immer wenn in der Handlung die andere Erde thematisiert wird, wird damit gleichzeitig Rhodas Motivation, Gedankengang, Erkenntnis usw erzählt. Bedeutend dabei ist, dass auch Johns Entwicklung auf diese Art gezeigt wird. Achtes Sie beim Film mal genau darauf, an welchen Stellen Rhoda oder John visuell, verbal oder hörbar mit Erde 2 konfrontiert werden und was um die Momente herum geschieht! Es ist jedes mal exakt die Entwiclung der Figuren. Another Earth ist also von Anfang bis Ende eine perfekte Parabel; auf der einen Seite die Menschlichkeit der Protagonistin – auf der anderen Seite die phantastische Metapher dazu.

Doch das ist nicht alles: Denn nicht nur Rhodas Entwicklung wird mit der Erden-Metapher dargestellt, sondern auch Johns; John wird als verlorene Seel etabliert. Er sitzt in seinem dunklen, unaufgeräumten Haus und scheint sich nicht mehr für die Außenwelt zu interessieren. Spricht Rhoda ihn völlig fasziniert auf Erde 2 an, ist er abgeneigt. Bildhaft dargestellt: Sein Teleskop lag all die Jahre in einem Karton auf dem Dachboden – Rhoda findet es und holt es heraus. Johns Abneigung gegen Erde 2 erklärt er später selbst mit Platons Höhlengleichnis. Er wehrt sich also vehement sich mit sich zu beschäftigen. Sein Thema ist jedoch nicht die Schuld (Rhoda), sondern Vergebung.

So erzählt er Rhoda, wie er sich vor seinen Rachegedanken schützen musste. Als er herausfindet, dass Rhoda diejenige ist, die seine Familie auf dem Gewissen hat, würgt er sie sogar (hier auch beachten, dass sich Rhoda in dieser Situation zu keinem Zeitpunkt zur Wehr setzt).

Erst Rhoda bricht nach und nach seine Schutzmauer ein. Das Teleskop ist dabei der Anfang und gleichzeitig eine direkte Verbindung von tatsächlicher Handlung und Metapher.

John beobachtet Rhoda, wie sie das Telekop auf dem Dachboden zusammenbaut. Als sie einige Tage später wiederkommt, hat John es im Wohnbereich aufgebaut und in den Himmel (bzw. Erde 2)

gerichtet. Gleichzeitig ist dies der Beginn, wo sie sich näher kommen und nun auch Johns Heilungsprozess (Johns Figurenentwicklung) in Gang setzt.

Eine weitere kleine, wenn auch eindrucksvolle Nebenhandlung ist die des Hausmeisters in der Schule, für den Rhoda arbeitet. Vom ersten Auftreten an versteht man als Zuschauer, dass der alte Mann blind ist. Später merkt man aber auch, dass er enorm weise ist. Er scheint in Rhodas Kopf regelrecht reinsehen zu können und zu verstehen, was in ihr vorgeht.

Eines Tages ist der Hausmeister verschwunden. Er liegt im Krankenhaus. Rhoda erfährt, dass er sich Bleiche in die Ohren geschüttet hat, sowie dass er dies auch mit seinen Augen tat, weil er seinen Anblick im Spiegel nicht ertragen konnte. Rhoda und der Hausmeister teilen also das Thema der Schuld und beide hoffen auf Vergebung.

Another Earth ist durchzogen von Weisheiten in Form von

  • ausgesprochenen Hypothesen und Fragen über das menschliche Bewusstsein (u.a. TV- Sprecher)
  • Gleichnissen bzw. Parabeln (Höhlengleichnis, Rhodas Geschichte vom russischen Kosmonaut)
  • Spirituelle Anweisungen (z.B. Hausmeister)

Im letzten Akt geht es natürlich endgültig darum, ob sich Rhoda selbst finden kann und ob John ihre den Weg dazu ebnet, indem auch er den Schritt wagt und bereit ist zu vergeben.

Ist Another Earth überhaupt ein guter Film?

Abgesehen von der Metaphorik und dem Interpretationsraum steht natürlich die Frage im Raum, ob „Another Earth“ als Film auch funktioniert. Es handelt sich um einen Indiefilm, der mit einem Budget von gerade mal 200.000$ produziert wurde. Da kann schon die Befürchtung aufkommen, dass es sich um einen wirren Studenten-Experimentalfilm handelt, der allen klassischen Strukturen der Rebellion wegen trotzden will. Doch weit gefehlt; Man kann zwar nicht die Uhr danach stellen, wann die Wendepunkte kommen, doch im Großen und ganzen ist er wie ein klassischer Film aufgebaut; ein kurzes Intro (Voice-Over und Studentenparty), dann wird die Handlung losgetreten (der Unfall) es folgt die Weigerung/Widerwille (Sie will sich John stellen, doch ist zu schwach), stellt sich dem Problem dann doch (zweiter Akt bzw. Konfrontation), der Wendepunkt in der Mitte (Erde 2 ist eine Spiegelung) und im dritten Akt die Auflösung (wird sie beichten? wird er vergeben? wird sich auf Erde 2 sich selbst begegnen?.

Wenn Sie sich mit Filmtheorie auskennen, werden sie merken, dass nicht nut Syd Fields (teilweise verpöhntes) 3. Akt-Diagramm darauf anwendbar ist, sondern auch weit aus komplexere, wie bspw. Christopher Voglers Heldenreise.

Doch was bedeutet das? Für den Zuschauer bedeutet es, dass wenn er von der Thematik nicht komplett abgeschreckt ist, er sich zu keinem Zeitpunkt langweilen wird. Die Handlung schreitet schnell voran; hält sich nicht (wie oft bei „Kunstfilmen“) gefühlt stundenlang an einem Bild auf, lässt aber trotzdem noch genug Zeit, um die Szenen wirken zu lassen.

Bildgestaltung

Die Bildgestaltung ist zwar völlig in Ordnung und ein „normaler“ Filmfan wird daran nichts auszusetzen haben, doch als Kameragenie sollte man keine Bildgestaltungsmeisterwerke wie Drive, Breaking Bad, Fargo oder Kill Bill erwarten. Wie schon gesagt; der Film ist ein absolutes Low-Budget-Werk, wo man nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, ganze Häuser der Bildgestaltung wegen neu zu streichen oder zu bauen. Trotzdem hat das interessanteste visuelle Objekt eine enorme Wirkung: Erde 2.

Das heißt aber nicht, dass diese „Metaebene“ komplett fehlt. Wenn bspw. Rhodas Familie vor dem Fernseher sitzt gibt es visuelle Elemente, die ihre Distanz zur eigenen Familie verdeutlichen. Auch die Szene, in der sie nackt im Schnee liegt und blutige Hände hat.

Doch bedeutender ist die Bildkomposition, also wie geschnitten wurde. Am besten fällt das auf, wenn man darauf achtet, wann und wie die „Erde 2“ oder auch die Unfallbilder eingesetzt werden. Beides trägt dazu bei, Rhodas bzw. Johns Gedankengänge und Entwicklungsstatus nachzuvollziehen.

Darsteller

Dass der Film extrem emotional ist, liegt neben der Story aber auch an den Darstellern Brit Marling (Rhoda) und William Mapother (John). Es ist für mich zugegebenermaßen schwer zu sagen, ob ich schnell Empathie empfinde, weil die Figur so gut geschrieben wurde oder weil sie so gut gespielt wird. Jedenfalls hatte ich auch beim wiederholten Schauen das Gefühl, aus dem Film zu fallen. Ich war bei jedem mal voll drin. Schlecht können die beiden Hauptdarsteller also nicht sein – aber wie gesagt: nicht mein Fachgebiet ;).

Musik

Anmerkung: Was Filmmusik angeht, hab ich nicht genug Wissen, um sie auf hohem Niveau kritisch zu betrachten. Deshalb werde ich grundsätzlich höchstens schreiben, wie ich sie wahrgenommen habe. Die Expertise überlasse ich Experten 😉

Auch positiv aufgefallen ist mir die Musik. Ich könnte zwar im Nachhinein nichts nachpfeifen, aber es lohnt sich, im Film darauf zu achten, wie die Musik eingesetzt wird. Sie unterstreicht die Emotionen der Szenen tatsächlich so, dass man teilweise das Gefühl hat, die musikalische Untermalung erklärt einem die Handlung.

Another Earth scheitert an der Erwartungshaltung

Ob man Another Earth nun gut findet, hängt stark von der Erwartungshaltung ab. Ich hab häufig Kommentare gelesen, bei denen deutlich rauszuhören war, dass sie einen Science-Fiction-Film erwartet haben und mit einem Drama „enttäuscht“ wurden.

Ich kannte nur den Titel und wusste, dass es ein Indiefilm ist. Ich wusste überhaupt nicht, was für ein Genre mich erwartet und letztendlich könnt ich das Genre auch jetzt nicht genau sagen. Allerdings kann ich mich dran erinnern, dass ich schon nach 60 Minuten den Erzähldrang hatte, den Film weiterzuempfehlen. Am Ende war der Another Earth vom Gefühl her direkt in meine Top10-Liste der „besonderen Filme“ gerutscht. Die verschiedenen Film-Elemente unterstützen die Handlung nahezu perfekt, ohne zu auffällig oder auffällig unauffällig zu sein.

Daten zum Film

Regie: Mike Cahill

Drehbuch: Brit Marling, Mike Cahill

Hauptdarsteller: Brit Marling, William Mapother

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2 Gedanken zu „Another Earth – die perfekte Parabel

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