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Kritik: It Follows

Vor über einem Jahr hab ich das erste Mal „It Follows“ gesehen und war selbst da schon spät dran, zumal ich lange vorher schon aus verschiedenen Richtungen ordentlich neugierig gemacht wurde. Jetzt hab ich mir den Horror-Film nochmal angesehen, nachdem ich ihn mehrere Monate eingeschweißt im Bluray-Regal stehen hatte. Ich werde gleich zum (spoilerfreien) Inhalt kommen. Wenn man sich dafür meinen kleinen Text durchliest und den Film noch nicht gesehen hat, könnte man meinen, es handle sich um einen durchschnittlichen Teeny-Horror-Film. Aber ganz so durchschnittlich ist der Film dann doch nicht.

Für Leser, die sich „It Follows“ noch ansehen wollen, ohne gespoilert zu werden, möchte ich darauf hinweisen, dass es später (auch ins inhaltliche) Detail geht. Bis zu der unübersehbaren Spoilerwarnung werd ich kurz erklären, worum es geht, worauf dann eine kleine Kurzkritik folgt. Danach wird dann ein Spoiler nach dem anderen rausgehauen 😉

Kurzinhalt (Grundprämisse)

It Follows hat eine einfache wie geniale Grundprämisse: „Es“ verfolgt dich und trachtet nach deinem Leben. „Es“ ist übertragbar durch Sex. Du kannst es dadurch bekommen, aber auch wieder loswerden. Genau das passiert mit der Hauptperson Jay. Ihr neuer Typ scheint gar nicht so übel zu sein bis er allerdings den gar nicht so gentlemanhaften Move macht, durch halbwegs romantischen Sex mit Jay im Auto, ihr das „It“ anzudrehen. Gentlemanmäßig ist immerhin, dass er sie kurz danach mit (vermutlich) Chloroform betäubt, sie in einen nahe gelegenen ruinierte Häuserblock zu verfrachten und an einen Rollstuhl zu fesseln, um ihr wenigstens zu erklären, was nun auf sie zu kommt. Das ist  wörtlich zu nehmen – in dem Fall kommt eine splitternackte Frau auf sie zu. Seiner Erklärung nach ist „Es“ eine Art übertragbarer Fluch; man wird verfolgt; von Wildfremden oder auch von engen Bekannten. Aber immer nur Einzelne, völlig situations-, tageszeit- und ortsunabhängig. Niemand kann es sehen oder hören, außer der Verfolgte selbst.

Kurzkritik

Was It Follows direkt besonders macht, ist der einzigartige Stil. Der Film wirkt hochmodern, gleichzeitig aber auch wie eine Homage an die 80er(-Filme). Der Look ist kühl, die Ausstattung hält sich zwischen den 30ern (Schwarz-Weiß-Filme), 50ern (u.a. alte Röhrenfernseher), 70ern (z.B. die Autos), 80ern (u.a. die Einrichtung), 90ern (u.a. neuere Röhrenfernseher) und heute (Smartphones in komischen Muschelhüllen) auf. Das ganze wird dann unterstrichen mit einem leicht an die 80s angelehnten, aber doch irgendwie neuartigen Synthie-Soundtrack von Disasterpiece. Die Art, wie die Protagonisten miteinander reden, ist ebenfalls eher modern. Zum Dialog möchte ich aber später nochmal extra kommen, denn dieser ist so ziemlich mit das Beste an It Follows. Um schon mal kurz vorweg zu greifen: Es gibt selten Filme, in denen der Dialog so authentisch und ungezwungen wirkt, ohne völlig ins Banale zu laufen *räusper* Tarantino-Nachahmer *räusper*.

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Was eng mit dem geschriebenen Dialog zusammenhängt sind natürlich die Darsteller, die ihn sprechen müssen. Wenn man mal von den Spektakelszenen absieht, dann halten sich die Hauptdarsteller in einem recht minimalistischen Schauspielrahmen auf; es wird selten überdramatisch gesprochen oder gestikuliert. So ist der Film über weite Strecken relativ ruhig, jedoch nicht im Pseudokunstfilmstil ruhig, sondern authentisch ruhig.

It Follows wirkt also trotz des merkwürdigen Stils relativ authentisch. Hier muss man unterstreichen, dass der Film keine Wackelkameraaufnahmen im Found-Footage-Filmstil besitzt, sondern extrem stilistisch ist. Es gibt ja diese Filme, bei denen man das Gefühl hat, man könnte bei jeder Sekunde anhalten und das Bild zum Wallpaper machen – It Follows gehört da praktisch dazu. Doch auch zur Kamera gibt es noch viel mehr zu sagen, worauf ich im späteren Verlauf dann nochmal zurückkommen werde, denn die Art, wie die Kamera eingesetzt wird, trägt bei It Follows auf unkonventionelle Weise extrem zur Spannung bei.

It Follows gilt zuerst mal als Horror-Film und so wird auch hier nicht grundsätzlich auf alt bewährte Mittel verzichtet. Es kommen diverse – wenn auch nicht viele – Jump Scares darin vor, eine sanfte Brise Gore, mehrere recht unerwartet verstörende Bilder und lautes Geschrei. Doch It Follows bildet fast ein eigenes Genre, weil er einem nicht durchweg den Horror um die Ohren knallt, sondern auch eine Art Drama ist. „The Guest“ geht da übrigens in eine ähnliche Richtung. Am Ende ist It Follows aber für mich kein Film, der mich vom Hocker gehauen hat – und trotzdem finde ich ihn so gut, dass ich mir die Bluray gekauft hab (das heißt schon was), ihn also garantiert noch ein paar mal ansehen werde und nicht zuletzt hiermit mal wieder einen längeren Beitrag widme. Warum der Film so genial ist und warum er trotzdem nicht sein volles Potential ausgespielt hat, werde ich im Anschluss unter die Lupe nehmen.

Für alle, die den Film noch nicht gesehen haben: 1. Lest ab jetzt nicht mehr weiter.. 2. ..sondern schaut euch „It Follows“ an – sofort!!1!1!

SPOILERWARNUNG

Inhalt und Aufbau

„It Follows“ hat einen filmtypisch konventionellen Aufbau und lässt sich daher relativ einfach in 3 bzw. 4 Akte aufteilen.

Akt 1: Die Figuren werden etabliert, die Geschichte eingeleitet, das Problem erklärt und aufgebaut (bis ca. Min 22)

(dieser Absatz ist von oben übernommen)

Ihr neuer Typ scheint gar nicht so übel zu sein bis er allerdings den gar nicht so gentlemanhaften Move macht, durch halbwegs romantischen Sex mit Jay im Auto, das „It“ anzudrehen. Gentlemanmäßig ist immerhin, dass er sie kurz danach mit (vermutlich) Chloroform betäubt, sie in einen nahe gelegenen ruinierte Häuserblock zu verfrachten und an einen Rollstuhl zu fesseln, um ihr wenigstens zu erklären, was nun auf sie zu kommt. Das ist  wörtlich zu nehmen – in dem Fall kommt eine splitternackte Frau (1) auf sie zu. Seiner Erklärung nach ist „Es“ eine Art übertragbarer Fluch; man wird verfolgt; von Wildfremden oder auch von engen Bekannten. Aber immer nur Einzelne, völlig situations-, tageszeit- und ortsunabhängig.

Akt 2/1 : Die Gefahr/das Problem wird etabliert (Bis ca Min 44)

Hugh, der Gentleman fährt Jay nach Hause, legt sie auf die Straße und gibt ihr netterweise nochmal den Tipp, sich nicht von den Verfolgern berühren zu lassen. Ihre Freunde und ihre Schwester beobachten die Situation von der Veranda aus. Nicht nur diese Situation, sondern auch ihre ständige Panik – gerade auch dadurch, dass sie in der Schule von einer alten Frau (2) verfolgt wurde – muss sie nun ihrer Clique erklären, denn die sehen sie ab hier erstmal nur noch mit großen Fragezeichen in den Gesichtern an. Paul, der einzige Junge aus der Clique und unübersehbar verschossen in Jay, bietet ihr direkt seine Hilfe an. Jay lässt sich überzeugen, dass er bei ihr auf der Couch schläft, „um die Augen offen zu halten“. Prompt in dieser Nacht geht schlagartig eine Scheibe zu Bruch. Während Paul die anderen Mädchen weckt, geht Jay völlig verängstigt nachsehen, ob wirklich niemand da ist oder es „nur“ ein Einbrecher war. Doch stattdessen stapft zombieartig eine  sich und den Boden vollpissend, halbnackte Frau mittleren Alters auf sie zu. Jay rettet sich in eines der Schlafzimmer. Während Paul und ihre Schwester Kelly versuchen, sie zu beruhigen, klopft es an der Zimmertür. Es stellt sich raus, es ist nur die Freundin Yara – durchatmen – wie aus dem Nichts stapft ein riesen Mann hinter ihr hervor – Schnappatmung. Jay flüchtet aus dem Haus auf einen offenen Spielplatz – die anderen verstehen wohlgemerkt überhaupt nicht, was abgeht, denn sie können die Verfolger ja nicht wahrnehmen. Die Clique kommt kurz darauf hinterher, wie auch ein weiterer Nachbar, der das Geschehen ebenfalls beobachtet hat. Keiner versteht so richtig, was mit Jay los ist, doch alle nehmen sie ernst und wollen ihr helfen.

Akt 2/2: Wendepunkt: Das Problem wird in die Hand genommen/Lösungen (Bis ca Min 79)

Sie suchen Hughs Haus auf. Dafür fahren sie weit raus aus der Stadt, wo die Häuser entlang der Straße immer heruntergekommener werden. In seinem Haus finden sie nichts wirklich Brauchbares außer einem Foto von Hugh und vermutlich seiner Exfreundin. So kommen sie an Hughs echten Namen (Jeff) und seine aktuelle Adresse heran. Jeff legt ihr nahe, „Es“ einfach weiterzugeben, sprich mit jemand anderem zu schlafen. Dabei gerät sie in verschiedene Konflikte. Einerseits will sie wohl nicht mit irgendjemand Sex haben, den sie nicht kennt oder mag, zum anderen gibt sie damit die Gefahr an die entsprechende Person weiter, also kann es auch niemand sein, der ihr nahe steht – wie zum Beispiel Paul. Nachdem sie zwischenzeitlich mehrfach von Verfolger(n) in grundverschiedenen Körpern (Männer, Frauen, Kinder und sogar die Freundin Yara) attackiert wurde und auch ihre Freunde mittlerweile die Gefahr begriffen haben, entschließt sie sich, es mit Greg zu tun. Der allerdings stirbt schon kurz darauf – sein Verfolger ist seine Mutter, die ihm einen etwas unappetitlichen Tod beschert, was für Jay bedeutet, dass der „Fluch“ des Verfolgtwerdens wieder auf ihr lastet. Allein am Seeufer entschließt sie sich – kann man zumindest aus dem Zusammenhang schließen – es mit einem der Typen auf einem Boot auf dem See zu machen. Offenbar überlebt der aber nicht lange, denn nicht viel später wird sie wieder verfolgt.

Akt 3: Showdown – Das Problem wird ein für alle mal beseitigt (oder auch nicht)

Paul kommt auf eine Idee. Sie brechen mit einem Haufen elektrischer Geräte in ein Schwimmbad ein und verteilen sie rund um das Becken. Nun warten sie – Jay im Becken, der Rest neben dem Becken – auf den Verfolger, der auch nicht lange auf sich warten lässt. Er bewirft Jay mit den Geräten, doch der erhoffte Stromschlag bleibt ineffizient. Paul beschießt „Es“ nach Anweisung Jays mit der Pistole, doch das scheint „Es“ erstmal nicht weiter zu stören – Yara aber schon: Schuss ins Bein.  Bei einem der Tötungsversuche fällt die männliche Gestalt ins Wasser, greift nach Jay und zieht sie unter die Wasseroberfläche. Nach einem weiteren Schuss lässt „Es“ von Jay ab, wodurch sie es aus dem Becken schafft. Das Becken füllt sich mit Blut. Hier endet der Showdown.

Nun schlafen Paul und Jay doch miteinander, doch man weiß nicht so recht, ob die Gefahr wirklich gebannt ist. Hier stellt sich dann auch raus, dass der letzte Verfolger im Schwimmbad ihr wohl verstorbener Vater war. Sicherheitshalber lässt sich Paul noch von einer Nutte bedienen (zwischen den Schnitten, versteht sich). Am Ende gehen die beiden Hand in Hand durch die Wohngegend, doch hinter ihnen scheint sich jemand zu nähern. Abblende. Credits.

Muster und Details

Da ich vom ersten Mal noch wusste, dass mir der Film zwar gefallen, aber nicht vom Hocker gerissen hat, habe ich mir vorgenommen, für diesen Beitrag besonders auf kleinere Details und Muster zu achten. Möglicherweise habe ich beim ersten mal etwas übersehen, was den Film erst richtig rund macht. Wenn die Grundprämisse ist, dass sich „das Böse“ durch Geschlechtsverkehr überträgt, liegt es natürlich nahe, dass man schaut, ob man „It Follows“ als eine Art Metapher auf Geschlechtskrankheiten sehen kann. Allerdings funktionieren Geschlechtskrankheiten eher selten so, dass man geheilt ist, sobald man sie weitergibt. Deswegen scheidet diese Herangehensweise schon nach kurzer Überlegung aus.

Verfolger

Trotzdem hab ich mir aufgeschrieben, wie die Verfolger aussehen und ob sich daraus vielleicht ein Muster ergibt. Jay wird zuerst von einer splitternackten Frau verfolgt – hm, was das wohl bedeuten mag? Dann von einer alten Frau im Nachthemd – oooohkay. 7Nicht viel später dann von einer halbnackten Frau, deren Busen aus dem BH heraushängt. Sie uriniert sich und den Boden voll, während sie langsam auf Jay zustapft – aha, alles Frauen!! Das muss was bedeuten. Zwei Minuten später ein überdimensional großer Mann, später auch Kinder. Schaut man sich die Verfolger an, die zeitweise kaum mehr zählbar sind, weil sie in so kurzen Zeitabständen erscheinen – bspw. die Szene am Strand, wo sogar ein Klon von Jays Freundin Yara und viele weitere hinter der Protagonistin her sind – kann man dann irgendwie nur noch sagen, dass das Muster ist, dass es einfach jeder sein könnte.

Wasser

Ein immer wiederkehrendes Element ist das Wasser. Schon das Mädchen im Intro landet in einer unkonventionellen Körperstellung am Strand. Kurz darauf wird Jay etabliert – im Pool. Später gibt es mehrere Szenen, die am Meer (oder genauer gesagt am Erie See) spielen und nicht zu vergessen der Showdown im Hallenbad. Während bei vielen Filmen, in denen Wasser auffällig oft gezeigt wird, das Wasser eher eine bedrohliche Bedeutung bekommt, scheint es bei  „It Follows“ eine eher positive Wirkung zu haben. 6Das Wasser steht an sich nie wirklich als Gefahr – auch wenn sie am Ende fast darin ertrinkt, sondern eher als Schutzraum, was ich jetzt gerade vor allem auf den Showdown beziehe, denn der Verfolger springt letztendlich nicht aus eigenen Stücken ins Wasser, sondern versucht das Becken zu meiden und bewirft sie mit den Elektronikgeräten am Rand. Geht man alle Szenen konsequent durch, könnte man durchaus sagen, dass Jay im Wasser ohne weiteres Einwirken (wie eben die verteilten Geräte) nie in Gefahr gewesen wäre. Ein interessantes, kleines Detail ist auch tatsächlich in Verbindung mit Wasser mehrmals zu finden: Immer wieder sind im Hintergrund oder in scheinbar unbedeutenden Bildteilen Warnhinweise mit der Aufschrift „No Diving“. Allerdings scheint das im Rahmen der Handlung nicht wirklich etwas zur Sache zu tun, denn weder springt sie irgendwann ins Wasser noch führt Tauchen an sich zu Gefahr. Die Warnhinweise sind zu auffällig oft zu sehen, als dass sie Zufall sein könnten, doch ich vermute, dass man dadurch einfach fehlgeleitet werden soll. Falls ich hier etwas übersehen sollte, würde ich gern wissen was 😉

Inhaltliche Logik

Nachdem ich meines Wissens nach auf alle inhaltlich relevanten Details geachtet habe, war ich etwas desillusioniert. Entweder ich habe tatsächlich etwas Wichtiges übersehen, oder aber, der Film hat tatsächlich keinen höheren Anspruch, als einfach ein unterhaltsamer Film zu sein. Nun scheint der Film – im Gegensatz zu Filmen wie Enemy – keine tiefere Bedeutung zu haben und das muss er auch nicht. Doch einerseits bin ich enttäuscht und finde  „It Follows“ trotzdem gut, andrerseits hat der Horrorfilm auch ohne den höheren Anspruch ein paar Problemchen – Hauptursache dafür ist keine ausreichende Konsequenz und eine etwas zu „flexible“ Logik.

Können die Verfolger getötet werden?

Der Fluch, der die Prämisse von  „It Follows“ bestimmt besagt, dass man den Fluch nur los wird, in dem man ihn weiterleitet, sollte aber die Person(en), zu denen er gereicht wurde, sterben, wandert er wieder zurück und in letzter Konsequenz wohl zum Auslöser zurück. Wohl aus moralischem Konflikt heraus versucht Jay den Verfolgern zu entkommen und Wege zu finden, sie zu eliminieren. Als die Clique am Strand ist und angegriffen wird, beschießt sie ihre Verfolger mit einem Revolver, doch nachdem sie das Abbild ihrer Freundin Yara scheinbar tödlich getroffen hat, steht diese kurz darauf wieder da und wieder kurz später nochmal andere. Aufgrund des schnellen Wechsels der Verfolger stellt sich bei dieser Szene schon die Frage, was wäre, wenn die Schüsse tatsächlich tödlich wären. Stünden dann nicht die anderen Verfolger schon bereit? Oder wechselt der Verfolger so sprunghaft, dass man mit dem Töten gar nicht nachkommen würde? Egal, was es nun wär, es müsste entsprechend etabliert und konsequent durchgezogen werden. Doch der Film bricht entweder seine eigenen Regeln oder lässt seine Figuren wie Idioten erscheinen.

Der scheinbar tödliche Schuss am Strand war also nicht tödlich. Das stell ich jetzt dem Akt 3 gegenüber. Jay und ihre Freunde müssten nun eigentlich wissen, dass sie die Verfolger nicht töten können. Trotzdem befolgen sie Pauls Plan, mit Taschen voller Elektronikgeräte ins Schwimmbad einzubrechen und sie um das Becken herum zu verteilen. Den Sinn davon hab ich übrigens erst im Ansatz verstanden, als ich mir die Inhaltsangabe auf Wikipedia dazu durchgelesen hab. Warum hab ich es nicht verstanden? – Weil es nie gesagt oder gezeigt wurde, wie es eigentlich hätte funktionieren sollen – der Plan geht auf Anhieb schief. Pauls Plan, den Verfolger ins Wasser zu locken, um ihn dann per Elektroschock zu killen, wurde dem Zuschauer also nicht deutlich erklärt. Doch sehen wir uns mal den Plan an sich an. Paul hat mitbekommen, dass man „Es“ nicht (per Schusswaffe) töten kann. Trotzdem veranstaltet er einen riesen Aufwand, um ins Schwimmbad zu kommen. Was macht ihn so sicher, dass sie den Verfolger mit einem Stromschlag töten können. Wobei schon mehrere Unsicherheitsfaktoren impliziert sind: 1. Der Stromschlag könnte zu schwach sein und Jay ist im Wasser dem Verfolger ausgeliefert, 2. Der Stromschlag ist zu stark und könnte Jay ebenfalls treffen oder 3. Der Verfolger nimmt die Geräte und wirft sie auf Jay, inklusive der Gefahr, dass sie stattdessen vom Strom verletzt oder getötet wird. Der ganze Plan hat also – selbst beim Weglassen der vorher etablierten Logik, dass die Verfolger unsterblich sind – kaum Potential. Dass die Clique das als DEN Lösungsansatz betrachtet und man daraus dann den riesen Showdown macht, lässt die Protagonisten, aber auch die Autoren etwas vergesslich wirken.

Wie wir wissen, kommt es zu Möglichkeit 3. Bedeutend dabei ist, dass Paul dem Verfolger direkt in den Kopf schießt und er darauf überhaupt nicht reagiert (außer dass Blut spritzt – warum ist das Blut eigentlich zu sehen?). Keine 3 Minuten später trifft er den Verfolger erneut und er fällt ins Wasser. Warum hat er sich beim ersten Mal nicht gerührt und beim zweiten Mal schon? „Es“ ist aber nach dem zweiten Schuss nicht tot, sondern greift nach Jay und zieht sie unter Wasser. 8Mehrere Schüsse verfehlen, doch einer trifft dann doch, Jay entkommt aus dem Becken, das sich komplett rot färbt und es herrscht Stille. In den Szenen zuvor im Film haben die Verfolger immer nur für Sekunden den Anschein gemacht, sie wären erledigt. In diesem Bild wird aber bewusst länger drauf gehalten, um die Endgültigkeit zu klären – bzw. trotzdem offen zu lassen. Wenn man hier dann sein rationales Denken in die Hand nimmt, kann man ahnen, dass die Clique zwischen den Schnitten noch alles zusammenpacken, sich umziehen und gegebenenfalls die verletzte Yara versorgen muss. In dieser ganzen Zeit rührt sich der Verfolger nicht? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder er lebt noch – warum bleibt er dann unter Wasser, statt wie vorher etabliert triebhaft sein Ziel zu verfolgen? Oder er ist tot – dann müsste ihn aber zumindest Jay an der Wasseroberfläche sehen und die Sache ist gegessen. Trotzdem ist das letzte Bild vor der Abblende bewusst so inszeniert, dass es offen bleibt, ob der Fluch besiegt ist oder nicht.

Ich weiß, dass es dazu schon prominente Kritik gibt und ebenfalls Aussagen (oder Ausreden?) vom Regisseur und ich bin mir bewusst, dass ein Film ein Film ist. Worum es aber geht ist, dass ein Film seine eigenen Logik aufstellen – und die kann so wirr sein, wie sie will –  und exakt diese dann konsequent durchsetzen muss. Wenn der Film seine eigenen aufgestellten Regeln bricht oder zu flexibel damit ist, dann macht sich der Zuschauer schwer damit zu schaffen, mitzufiebern, wie ein Konflikt innerhalb des Films gelöst werden kann. Deus Ex Machina ist für einen guten Film eben ein Tabu – und damit eben auch ein „Diaboli“ Ex Machina.

Charaktere, Dialoge und Klischees

Letztendlich ist der eben beschriebene Aspekt derjenige, der bei mir wohl das Gefühl eines „nicht ganz runden“ Films ausgelöst hat. Nun gefällt mir  „It Follows“ aber trotzdem sehr. Ein Grund dafür ist wie eingangs in der Kurzkritik schon beschrieben die Art der Dialoge. Von vielen Filmen ist man gewohnt, dass die Gespräche oft fast schon theaterhaft, überdramatisch klingen und overacted gespielt werden. Die Dialoge von „It Follows“ bieten dazu ein tolles Kontrastprogramm. Die Wortwahl an sich ist so authentisch, dass man sagen könnte „Ja, ich glaube, in so einer Situation würden diese jungen Leute so reden“, doch ebenfalls die Tonalität ist nicht überaufgeregt. Besonders ist auch, dass die Protagonisten nicht klischeehaft die immer gleichen Archetypen einnehmen – einer der Schlaue, einer der Clown, der Vernünftige usw, sondern eigentlich alle der Stammclique vom Typ her eher ruhigere Charaktere sind. Es ist also keiner davon wirklich extrovertiert und sorgt dafür, dass dem Zuschauer immer wieder ein schlauer oder witziger Spruch um die Ohren gehauen wird. „It Follows“ hat den Mut, seine Rollen auch einfach mal auf gut deutsch die Fresse halten zu lassen, nachdenklich, ruhig zu sein, ohne dass es gleich öde wie „Die Wand“ wirkt.  Die Charaktere sind auch im weiteren Sinne nicht die Klischeeteenies, die sich in anderen Filmen ständig pubertär auf College-Partys besaufen. Sie leben im ruhigen Vorort von Detroit, wo es authentisch wirkt, wenn die Hauptpersonen auch einfach nur auf der Veranda sitzen und Karten spielen. Das macht den Film in gewisser Weise schön und sympathisch – und eben authentisch.

Wer die Dialoge selbst nochmal unter die Lupe nehmen will, kann hier das Drehbuch lesen 😉

Visuelle Gestaltung

Eine Szene, ein Schwenk, viel Spannung

Dieser ruhige Eindruck wird unterstrichen durch verschiedene Kameraeinstellungen und -Fahrten. „It Follows“ beginnt mit einem Schwenk, der zu einer Fahrt über geht. Dabei verfolgt die Kamera ein Mädchen, das aufgeregt durch die Nachbarschaft rennt. Schwenks (oft in Verbindung mit minimalen Fahrten oder Zooms)  sind auch später immer mal wieder zu sehen. Die Kamera lässt sich dabei viel Zeit, damit der geneigte Zuschauer fast schon gezwungen ist, genau hinzusehen, ob nicht irgendwo im Bild die nächste Gefahr heranspaziert. Eine Szene sticht dabei besonders heraus: Als Jay und Greg in die Schule zum Sekretariat gehen, um sich Hughs/Jeffs richtige Adresse geben zu lassen, zeigt die Kamera im reinen horizontalen Schwenk erst deren Weg durch den Gang ins Sekretariat, fährt dann ohne stehen zu bleiben weiter, wodurch der Campus draußen zu sehen ist. In der Ferne scheint wieder jemand verdächtig gerade auf die Kamera zuzugehen, doch die Kamera schwenkt weiter im Kreis bis sie wieder bei den Protagonisten ist, die dann nach einem kurzen Zoom das Sekretariat verlassen. Eine Szene, ein Schwenk, viel Spannung.

Jay und der Goldene Schnitt

Ebenfalls interessant ist, wie Jay meist ins Bild gesetzt ist. Die Kadrierung wird bei ihr nicht vom goldenen Schnitt bestimmt. Sie ist nämlich meistens (fast) mittig im Bild – oft mit viel Raum an den Seiten. Besonders deutlich wird das bei der Szene, in der die Clique am Strand in den Liegestühlen sitzt. Jay ist wieder mittig und teilweise sogar in der Totalen im Bild, sodass nicht nur zwei-, sondern dreidimensionaler Raum an ihren Seiten entsteht. Auf der linken Seite geht es weit in die Tiefe, wo der Zuschauer Greg weggehen und Yara auf die Kamera zugehen sieht. 4Währenddessen kommt es zum Dialog. Die anderen werden perfekt im Goldenen Schnitt und ebenfalls teils recht nah gezeigt, sodass kaum weiterer Bildraum zu sehen ist, doch die Schnitte auf Jay sind dann wieder so, dass Jay mittig und allein im Bild ist.
In dieser Szene bahnt sich durch den Dialog an sich keine echte Gefahr an, sondern es wirkt friedlich. Doch die Jay-Kadrierung macht dem Zuschauer klar, dass es hier nicht sicher ist und es herrscht ein gewisses Unbehagen. Aber warum? Zum einen wirkt eine mittig gesetzte Person unbewusst unsicher, angreifbar, verloren. Gerade im Kontext von „It Follows“ ist das auch leicht zu erklären, da der Zuschauer immer Gefahr wittert. Sind beide Seiten offen, hat der Zuschauer mindestens unbewusst das Gefühl, dass die Gefahr von beiden Seiten kommen könnte. In dieser Szene sieht er die Gefahr tatsächlich lange zuvor kommen, doch weiß es nicht, da sie in Form von Yara kommt, wobei sich erst kurz vor dem Angriff herausstellt, dass es nicht Yara, sondern ein Verfolger ist. Der Zuschauer ist in der Szene vor Paranoia getrieben; „Wer ist die Person in der Ferne? Aus welcher Richtung kommt die Gefahr? Oh, das ist ja Yara. Kommt die Gefahr dann von der anderen Seite? Oh verdammt, das ist nicht Yara“. Hier werden also allein mit wenigen Einstellungen viele falsche Fährten gelegt – und alles im Unterbewusstsein.

Gefahr ist Einstellungssache

Jay mittig platziert?  Nun ja, nicht immer. Doch Jay ist häufig „gefährlich“ platziert. Als Gegenstück zur Strandszene gibt es die Stelle, wo die Clique mit Greg erst zum Strand fährt. Die 3 Mädchen sitzen hinten im Wagen. Doch hier ist Kelly in der Mitte. Warum nicht Jay? Weil Kelly mit zwei Personen an ihren Seiten geschützter und ungefährdeter wirkt als Jay an der Seite. Jay könnte hier durchs Fenster überrascht werden oder ein Auto könnte sie rammen.. In vielen weiteren Szenen sind die Einstellungen und/oder die Platzierungen so, dass Jay von der Gruppe getrennt ist, ohne es tatsächlich zu sein. 5Weitere Beispiele dafür sind die Szenen, wo die Mädchen gegen Ende kurz vor dem Showdown schlafen; Yara und Kelly liegen im Bett, Jay nebendran auf dem Boden. Beim Showdown ist die Clique am Beckenrand und beieinander und Jay allein im Wasser. Wenn man darauf achtet, findet man viele weitere derartige Einstellungen. Letztlich geht es darum, dem Zuschauer das unbehaglichen Gefühl zu geben, dass Jay fast permanent gefährdet sein könnte.

(Un)bedeutende Inserts

Nicht unerwähnt lassen will ich einen scheinbar unbedeutenderen Teil der visuellen Gestaltung. Inserts sind zusätzliche Aufnahmen, um eine Szene und ihre Haupteinstellungen zu unterstützen bzw. zu untermalen. Oft sind das Details, bspw. wenn Personen wild gestikulieren, werden die Hände gezeigt; wenn sie nach etwas greifen, wird das Objekt gezeigt; schauen sie auf ihre Armbanduhr, wird die Uhr gezeigt usw. Inserts sind normalerweise in Kritiken kaum der Rede wert. Sie fehlen zwar, wenn sie nicht da sind; doch sind sie da, spielen sie an sich keine so große Rolle, als dass man auf sie extra eingehen müsste. Kurz gesagt: Sie sind selbstverständlich. Wenn ich aber ein paar wenige Bilder aus  „It Follows“ aufzählen müsste, die mir besonders gut gefallen und die ich besonders mit dem Film verbinde, dann gehören dazu  tatsächlich zwei verschiedene Inserts.

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Das erste davon ist zweigeteilt und wird in der Szene am Anfang nach dem Sex im Auto gezeigt. Jay liegt auf dem Bauch auf der Rückbank. Während sie erzählt, spielt sie beiläufig mit einer unscheinbaren Wildpflanze. Dies wird durch ein Insert von oben gezeigt, in dem nur ihre Hände und eben das Unkraut gezeigt wird. Sie merkt nicht, dass Hugh sich von hinten anschleicht bis er sie betäubt. Die Szene endet mit dem zweiten Teil des Inserts, in dem nun ihre „leblose“ Hand von der Blume lässt und diese nun hin und her wackelt. Man muss hier ja nicht dazu schreiben, dass der erste Teil nötig war, damit der zweite funktioniert. Doch auf diese Weise wurde nochmals deutlich unterstrichen: Jay ist jetzt leblos, tot oder zumindest ohnmächtig und in höchster Gefahr.

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Inserts, die allein stehend kaum bis keinen Sinn machen, aber im Kontext einer Szene die Handlung erst richtig wirken lassen, sind dann eben doch der Rede wert. Beispiele, die mir da aus anderen Filmen direkt in den Kopf kommen, sind „Django Unchained“ und „Stoker“, bei denen jeweils geschossen, die getroffene Person aber nicht gezeigt wird, wie sie getroffen wurde, sondern lediglich Blumen bzw. Gras, worauf Blut spritzt. Würde an sich keinen Sinn machen, aber im Kontext ist klar: die Person ist tot.

Das zweite Insert, das mir bei „It Follows“ direkt in den Kopf kommt, wird gezeigt, wenn die Clique bei Hugh/Jeff hinter seinem Haus auf dem Rasen sitzt und sich nochmals alles erklären lässt. Jay hört dabei aufmerksam zu und gleichzeitig zupft sie Grashalme aus dem Rasen und legt sie sich aufs Bein. Die aufgereihten Grashalme werden dann per Insert gezeigt. Als ich den Film zum ersten mal und mit einem Kumpel gesehen hab, haben wir an der Stelle gestoppt und darüber debattiert, ob dieses Insert nun eine Bedeutung hat und wenn ja, welche. Letztendlich kamen wir zu dem Schluss, dass das Insert keine inhaltliche Bedeutung hat. Nur, warum ist es dann so gut? Ich würde sogar so weit gehen, dass ich das Bild von den Grashalmen auf Jays Bein als DAS Bild sehe, das ich mit „It Follows“ verbinde. Ich gehöre – wie viele andere auch – zu den Leuten, die, wenn sie sich ins Gras setzen, immer nebenher mit dem Gras rumspielen müssen. 3Andere popeln in der Nase oder knacksen mit den Fingern. Wie oben beschrieben, untermalen Inserts Szenen und bieten dadurch eine gewisse Abwechslung. Statt nur Dialogpartner gegenüber zu stellen, werden eben auch Detail zwischen geschoben. Die Grashalme werden in der Szene nicht gebraucht und trotzdem bringen sie als Einstellung eine gewisse Abwechslung und darüber hinaus macht es die Szene und Jays Charakter noch authentischer – eben gerade dadurch, dass nicht nur gezeigt wird, was direkt zum Showdown führt, sondern auch unscheinbare Minihandlungen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Grashalme gar nicht eingeplant waren, sondern Maika Monroe (Jay) diesen „Tick“ hat und er spontan mit eingebaut wurde. Ich finde es gut, dass hier etwas Realistisches, wenn auch Unbedeutendes gezeigt wurde und man daraus aber keinen großen Hehl gemacht hat, wie beispielsweise bei „We need to talk about Kevin“, wo Sohn und Mutter ebenfalls Dinge aneinandergereiht hinlegen – soweit ich mich erinnere waren es Nussschalen. Da wurde es als wiederkehrendes Merkmal und ach so besonders tolle Pseudosymbolik inszeniert. We need to talk about „we need to talk about Kevin“ – oder auch nicht.

Ich kann mich allerdings auch täuschen und die Grashalme haben eine tiefe Bedeutung, die die objektive Wahrheit offenbaren 😛

 

Fazit

It Follows “ ist nicht frei von Schwächen und Mängeln und gerade als Vermeider von Horrorfilmen und als Fan guter Stories könnte ich mich wundern, warum mir der Film so gut gefällt. Doch Film besteht nun mal nicht allein aus einer guten Story, sondern aus so vielem mehr und „It Follows“ hat einfach zu viel richtig gemacht, um ihn schlecht zu finden. Die Authentizität, die durch Technik, aber auch durch perfekt gewählten und gespielten Dialog zustande kommt, bedeutet einen fetten Pluspunkt. Auch die weiteren Aspekte, die einen guten Film ausmachen, wie visueller Stil oder auch die musikalische Untermalung zeugen von Mut. Eine wilde Collage, die im Gesamten beinahe ein perfektes Bild ergibt.

Es lohnt sich also, den Film noch ein weiteres mal zu schauen und auf die Kleinigkeiten zu achten 😉

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